Die Ruhe des fliegenden Pfeils oder: Ich bin Literatur

 

 

                    Ein Gespräch zwischen Franz Kafka und Max Brod im Prager >Café Louvre<

 

 

Franz Kafka sitzt in einer dunklen Ecke des Cafés. Er erwartet den Poeta doctus Max Brod, zeichnet Figuren auf eine weiße Serviette, und es hat den Anschein, als schneide er Linien und Kurven in eine dünne Schneedecke, als locke er ein fernes Auge, das Gezeichnete zu bewundern und zu verschlingen, als spreche er sich an, als wolle er noch etwas aus sich herausschlagen. Auf dem Tisch liegt eine Halblederausgabe von August Strindberg: >Entzweit - Einsam<, aus der ein Lesebändchen heraushängt. Leises Börsengemurmel. Wörter, die wie gesungen klingen, trinken die schwere Luft. Max Brod nähert sich winkend und lächelnd Kafka, umarmt ihn und setzt sich zu ihm. 

 

Max Brod: Hast du lange warten müssen, Franz? Wie geht es dir heute

Franz Kafka legt die Serviette mit den Zeichnungen auf das Buch: Ich habe gezeichnet und Umpanzerungen vermieden. Wie ich mich fühle? Geschlafen, aufgewacht, geschlafen, aufgewacht. Ich fühle mich vom Schlaf zurückgewiesen. Mein Schlaf empört sich, weil ich schreibe. Das Leben ist bloß schrecklich. Ich vermisse im Augenblick die Entschlossenheit, mein Schreibgerät täglich in meinen Schreibhäusern in die Hand zu nehmen. Ich werde mich aber nicht müde werden lassen. Im Übrigen fühle ich mich nur dann ganz bei mir, wenn ich unerträglich unglücklich bin... Ich bin gewissermaßen ein glücklicher Unglücklicher.

Max Brod langsam sprechend: Ein großer Teil deines Wesens strebt zur Theosophie hin, zu mystisch-religiösen, spekulativ-naturphilosophischen Denkansätzen. Mildert es nicht deinen Zustand, wenn du die Konflikte in den Dienst der Literatur stellst?

Franz Kafka beugt sich etwas über den Tisch: Die Zustände legen Feuer an mein Leben. Womit entschuldige ich nur, dass ich heute noch nichts geschrieben habe? Ich fürchte eine neue Verwirrung. Verwirrung lädt sich Verwirrung auf. Ich fühle, dass ich an meinen Grenzen angekommen bin, an den Grenzen des Menschlichen überhaupt. Mir fehlt die Ruhe der Begeisterung. Pause. Und wie geht es dir, Max? Wie war eigentlich deine Brünner Vorlesung? Macht große Augen.

Max Brod: Dir fehlt die Ruhe des fliegenden Pfeils. Nach einer Pause. Mir geht es gut. Sehr gut. Der Beifall ließ den Ort kaum zur Ruhe kommen, so schien es mir zumindest. Alle hatten Spaß am Verstiegenen, Skurrilen, am Fremden, die ganze Welt war bei ihnen Brünn und Brünn die ganze Welt. Unterdrücktes Lachen. Gibt es Neues von F.?

Franz Kafka aufkommende Bitterkeit, fährt sich mit der Hand durchs Haar, schaut auf die Innenfläche seiner Hand: Wenig. Ich bleibe wohl allein, falls mich nicht F. doch noch will. Sollte ich 40 werden, werde ich wahrscheinlich ein altes Mädchen heiraten. Lacht. 40 werde ich aber kaum werden. Wenn es wahr wäre, dass man Mädchen mit der Schrift binden kann. Pause. Meine Zweifel stehen überall im Kreis herum. Es sind zwei in mir, die miteinander kämpfen. Heiter und schnell redend. Außerdem liege ich ja schon lange an Strindbergs Brust. Der ungeheure Strindberg.

Max Brod: Es ist schon ein kompliziertes Verhältnis mit dir und F., vergleichbar dem Hebbels zu Elise Lensing. Hebbel nannte es die grässliche Tiefe des Daseins. Ist es Distanzliebe? 

 

Ein junges Mädchen bringt Kaffee und Prager Nusskuchen.

 

Franz Kafka nach seiner Tasse greifend: Die Liebe ist so unproblematisch wie ein Zug. Problematisch sind nur der Zugführer, die Reisenden und die Schiene. Nimmt ein Stück Kuchen in den Mund. Die Ottla macht ihn besser. Dann deutet er mit dem Kopf nach rechts. Schau, Max, da hinterm Bogen sitzt der Einstein mit Freunden, er soll hier regelmäßiger Gast sein. Strenger Gesichtsausdruck. Dieser Einstein, er tut, was er will, und er will auch, was er will. Das ist antischopenhauerisch. Nach einer Pause. Seine Entdeckung der Äquivalenz von Masse und Energie hat sich den Menschen aufgedrängt. Entdeckungen drängen sich immer den Menschen auf.

Max Brod: Im Gegenteil. Die Menschen sind zu allen Zeiten über sie hergefallen und fallen weiterhin über sie her. Wer zwingt die Entdeckungen denn, entdeckt zu werden? Wenn ich dich richtig verstehe, müssten sich die Entdeckungen dann gewissermaßen selbst entdeckt haben. Die Entdeckung in der Entdeckung sozusagen. Ich aber meine: Die Menschen haben sich den Entdeckungen aufgedrängt. Sie flogen ihnen förmlich um den Hals. Die Entdeckungen werden nur von besonderen Menschen gemacht, die über tiefes Wissen verfügen, wie beispielsweise Einstein.

Franz Kafka etwas deutlicher werdend: Man kann sich jedoch nicht jeder neuen Entdeckung gleich an die Brust werfen. Wird die Welt mit jeder neuen Entdeckung nicht ein Stück unseriöser? Der Fuß der wirkenden Kraft der Entdeckung, mit dem sie in die Welt eintritt, verwandelt den menschlichen Kosmos, noch bevor sie den anderen nachzieht.

Max Brod ohne aufzublicken: Warum machen sie diese Entdeckungen? Was treibt sie an? Ich glaube: Den Schlüsselbewahrern bleibt keine andere Wahl. 

Franz Kafka: Viele Entdeckungen beruhen allerdings auf Zufällen. Den Planeten Uranus entdeckte man im Rahmen einer Himmelsdurchmusterung.

Max Brod einen schärferen Ton anschlagend: Aber es war der Mensch, der sich der Entdeckung von Uran, das die Menschen an die Kernspaltung verriet, aufdrängte. 

 

Kafkas Handy ertönt. Mozart-Klingelton. Der Lautsprecher ist eingeschaltet. Köpfe drehen sich zu ihm um.

 

Max Brod streicht sich über den Mund: Felice?

Franz Kafka prononciert: Ich kann mit ihr nicht leben, und ich kann nicht ohne sie leben. Später wird es in meinen Tagebüchern mal heißen: Geliebt, dass es mich geschüttelt hat, habe ich vielleicht nur eine Frau. Nein! Es ist nicht Felice. Es ist Einstein. Was will er von mir?

Albert Einstein sieht zu Kafka hinüber: Hallo, lieber Herr Kafka, ich habe Sie entdeckt. Hier und durch Ihre >Betrachtung< im Hyperion, Heft 1, Januar 1908, herausgegeben von Franz Blei. Ihre Texte aus "Betrachtung" haben mich gefesselt. Man begegnet einem seltsam unbestimmten Ich in verschiedenen Formen: einem betrachtenden Ich, das sich selbst artikulieren möchte, einem fragenden Ich, das sich zu verlieren droht, einem unglücklichen Ich, das sich dem unendlich Haltlosen entgegenstemmt. Aber ich wollte Ihnen etwas ganz anderes sagen: Die Gravitation ist nicht dafür verantwortlich, dass Menschen sich verlieben und nicht verlieben. Man muss sich der Geometrie der Liebe schon anpassen. Wer am Ufer bleibt, kann keine neuen Meere entdecken.

Franz Kafka: Sie segeln mit mir wie Odysseus. Sie vergeuden Ihre Zeit wie bei Ihrem Sohn, Herr Einstein. Sie können sich meine Beweggründe und Gefühle nicht vorstellen.

Albert Einstein tief brummend: Wo Liebe ist, gibt es keine Last.

Franz Kafka mit heller Stimme: Ich bin Literatur... 

Albert Einstein: Nicht auf den Einzelnen kommt es an, Herr Kafka, sondern auf Werke im Dienste der Gemeinschaft.

Franz Kafka mit großer Intensität sprechend: Wäre eine Bombe nicht auch ein Werk im Dienste der abwerfenden, menschlichen Gemeinschaft?

Albert Einstein räuspert sich: Ich bin Pazifist.

Max Brod mit gedämpfter Stimme über Einstein: Er wirkt so wach, dass man sich in seinem Anblick und in seinen Worten verliert.

Franz Kafka sich von Einstein verabschiedend: Ich muss Sie unterbrechen. Ich bin in großer Eile. Ich werde erwartet - von meinem Schreiben. Auf Wiedersehen, Herr Einstein.

Albert Einstein: Schon immer beruhten die meisten menschlichen Handlungen auf Angst oder Unwissenheit, Herr Kafka. Das Gespräch endet.

Franz Kafka sich von Max Brod trennend: Max, ich werde in das Schreiben hineinspringen und wenn es mir das Gesicht... bricht ab. Franz Werfel kommt ihm entgegen. Sie gehen gemeinsam Richtung Altstädter Ring...

 

 

***

 

 
 
 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

Datenschutz Homepage erstellen mit Webvisitenkarte.net