Gedichte

vor den schrei kommen


jenseits
der sprache
die blaue architektur
mal hingabe mal geräuschtheater
schattenstimme mit sich selbst
beschäftigt ruft niemanden doch
sie kommen in scharen mit anderem
empfindungsspektrum ... vogelartig
zerflatternd der schrei über dem schaukelnden
dach des meeres umschlingend umrankend
um den hals fallend so als ob es
nach liebkosung schiele dann
wie wespen unter gläsern ... wie zu den nächtlichen
gärten poseidons hinabtanzende zeichen
 
vor den schrei kommen
 
vor den schrei kommen
 
*** 
 
Das Lachen auf dem Drahtseil

 

>Unter dem Sternwind. Chromosomenanomalie. Trisomie 21.<

 

Am Morgen zählst du

die gelben Zungen der Sonne,

 

der Tag deckt dich mit

klingenden Muscheln zu

 

und dein Lachen

tanzt auf dem Drahtseil,

 

du liebenswertes,

grimassierendes Menschenkind.

 

Du brichst die gefrorene Welt auf.

 

 

***

 

 

adagio sostenuto

 

                                             DIALOG

 

                                                      >Wie war Ihnen damals zumut?<

                                                      >Wie einem Menschen, der nicht weiß, was man

                                                      empfinden soll. Oder vielleicht empfand ich, daß 

                                                      ich nicht empfand, was man hätte empfinden

                                                      sollen ...

                                                      So daß mein Zustand an nichts erinnerte und ich 

                                                      recht eigentlich niemand war.<

                                                    

                                                      (Aus: Paul Valéry: Windstriche. Insel-Verlag 1959)

 

 

 

1

 

schutt & choucroute 

die vögel zeichnen neue linien in die luft

trümmerfrauen schlagen mörtel ab

träume irrtümer & schrecken ...

im winter kann man hier gut rodeln 

 

2

 

sprachskepsis & falsche tiefe

unter dem eingedrückten sofakissen

welkt das erinnern

 

3

 

doris-day-sauberkeit & 

apotheose des wohlstands hölderlinisch

heller & schöner sonntagsspaziergang

 

4

 

die zeit bringt günter grass hervor

vollendet ihn aber nicht 

 

5

 

bei ewiggestrigen kann man sich noch

reichlich sauerstoff holen ... die 68er hatten

viel chaos in sich gebaren aber keinen stern 

zur wiedervereinigung haben wir noch

nicht genügend abstand und

in der flüchtlingspolitik

greifen man rays zahnräder nicht 

 

6

 

welche sind die sind ionescos nashörnern

entstiegen krankheiten die gesund sind ...

man muss diskutieren ...

 

7

 

paul celan in den mund gelegt: herzzeitkühle 

 

8

 

das unbehagen an amerika: obama reicht weit

trump is half-baked

spiritually and politically

 

9

 

unsere handschrift ist deutlich kleiner geworden

 

 

10

 

argonauten der selbsterkundung

endlosband ängstliche diplomatie

enttäuschungen & erstarrungen umgeben 

vom poker der versprechungen

& drohungen 

 

11

 

durchquerung der koordinaten

der jouissance & verzicht auf hunger durst &

illusion sichern doch zumindest 

so etwas wie freiheit

 

 

***

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                      

 

 

                                                     

                                        

 

                 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pommerscher Sand

                      Für Bertolt Brecht

 

Auf der Flucht

Rieselte er mir in die Schuhe.

So trug ich ihn

Viele Wochen, bis ich bei

Einer Tante im Westen

Die Schuhe auszog und die

Blank gebohnerte Wohnung

Verschmutzte.

 

Man schickte mich ohne

Kuss und Abendbrot ins Bett. (1956)

  

***

 

wladimir putin

 

ich will einen schlagautomaten

bauen der die ohrfeige

die ich wladimir putin

ins gesicht pflanze täglich

zu jeder vollen stunde

und für alle vernehmbar

mit laut klatschendem echo

wiederholt so ähnlich wie

 

goutiers einfall mit der ohrfeige 

die breton ilja ehrenburg gab

 

© 2014

 

***

 

 

die promenaden des großen anderen

 

 

weit entfernt von den letzten wörtern

& der dichtigkeit des seins.

bevormundung & herrschaft des zweifels sind durchgestrichen.

schweigen. leer werden. schweigen. überall hängen vorhängeschlösser. 

der große andere hat in jedem gegenstand, in jeder geste &

in jedem wort quartier bezogen.

 

intimgestalt des waldes: greifbar & gebärdenreich.

signatur von corot. existenzielles theater.

inszenierung für meine augen,

ätherisch-sublime stimmen für meine ohren. die oberen stockwerke

sind mit dunst & mytho-poetischem potenzial möbliert. vögel fluten vivaldi

mit endlos schwirrenden, schwebenden scherzi.

 

der sich anlehnende bronzene berg mit seinen traumatisierenden geboten 

blickt wie oskar schlemmers >geneigter kopf< auf existenz

& ideal der menschen im digitalen universum. der mond

(kein völlig deutscher gegenstand, herr morgenstern

kriecht hinter der deckung hervor & wirft farbdias auf die bühne.

ringsum zeichen & geräusche. artauds atem.

 

du bewegst dich auf die grenze zu, wo sprache nicht mehr gilt.

 

du unverwüstlicher, du bist mir oft in den pfützen meiner kindheit & jugend 

begegnet. du bist heute weniger mond. mein kopf hat die alte ordnung,

die mich unterwirft & strukturiert, von sich gestoßen. ich wehre mich

gegen die zwänge, genießen zu müssen, sich zu bilden, aus seinem leben

etwas zu machen, kultur zu trinken, durchs tägliche labyrinth

zu navigieren, die sozialen netzwerke zu nutzen, keine chance auszulassen.

 

seit 1801 leuchte ich den menschen in cis-moll. höre! man ist immer zu dritt,

der große andere ... das sind alle instanzen, die einen wert

repräsentieren. dein begehren gehört nicht dir selbst, es ist das begehren

des großen anderen. du wirst ihm nicht entkommen.

du wirst dir nicht entkommen. was willst du also tun? was möchte

der große andere von dir? erwarte keine formel, die dir den weg weist.

 

 

ich will die wirklichkeit überholen, um ihr einmal von vorn ins auge 

zu blicken ... alles aus der distanz verstehen, alles.

 

 

***

 

Der Duft der Asymmetrie

 

Am Morgen. Erster Blick aus dem Fenster
in den Garten. Lachsroter Fluss neben dem
Schiefergrau der Terrasse. Blau blühende Stauden

stehen auf dünnen Beinen wie Don Quijote.
Duft der Asymmetrie. Das Gemüt bereit machen für
die auf unpoetischer Ratio basierende Weltordnung.

Ein Vogel holt sich seine Melodie von
Beethoven zurück. Ästhetik der Grenzüberschreitung.
Bücher, durch die ich entkomme, türmen mich auf.

Versteppte Gesichter, die im Begriff sind,
in einen menschlichen Zustand einzutreten. Warmer
Sommerregen, ähnlich dem, bei dem sich Casanova im

Jahre 1763 von Marianne Charpillon blenden
ließ. Widerstand. Erschüttert bequeme Denkmuster!
Ohne rhetorischen Pomp. Frei. Nonkonformistisch.

In eschatologischer Erwartung einer neuen
Harmonie lese ich die Zeitung täglich im städtischen
Hallenbad. Bei Café crème & Croissant. Unter Wasser,

um sie, wie Einstein empfahl, reinzuwaschen.
Die Katze ruft mich und ich diene ihr. Die Selbstbewegung
der Wirklichkeit. Widersprüche. Lasse mich kreuz & quer

schwimmen. Bach läuft in mir ab. Toccata &
Fuge d-Moll. Brauche Regen abweisende Schuhe. Erkennen,
dass der Mensch keine unvernünftigere Welt schaffen

darf als Gott. Uns neu begreifen lernen. Nebenan
dröhnt moderne Musik. Zu schräg für mein Hirn. Möchte
nicht in ihr sein. Fliehe ins Café. Schenken & Ertragen

von Bewunderungen. Muss ich so sein, wie man mich
sieht? Empörung. Durch die Korridore der Zeit zurückreisen.
Erinnern. Wörter pflanzen. Singe es, kleiner Vogel, singe es!

 

***

 

 
 
 
 
 
 

 

 

 
 
 

 

 

 

 

 

                                                              

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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